Die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer

Veröffentlicht am 18.12.2008 in Kreisverband

Unter diesem Titel luden der SPD-Kreisverband Rhein-Neckar, der SPD-Ortsverein Sandhausen sowie die Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen der SPD Rhein-Neckar zu einer Podiumsdiskussion in die Räume der AWO ein.

Im Namen der AWO begrüßte Bernd Finke die Anwesenden herzlich und wünschte allen einen interessanten Diskussionsverlauf.

Dr. Lars Castellucci, Kreisvorsitzender und Bundestagskandidat für den hiesigen Wahlkreis führte mit seinem Referat die Anwesenden an das Thema heran. Es sei in der Gesellschaft eine Unzufriedenheit spürbar und eine allgemeine Angst, in Armut abzurutschen. Bereits jetzt könne von einer Parallelgesellschaft zwischen arm und reich in diesem Zusammenhang gesprochen werden. Was bedeutet Armut? Es ist ein komplexer Begriff, der nicht nur materiell umschrieben werden kann, so Castellucci. Armut bedeutet soziale Ausgrenzung, Armut an sozialen Bindungen, sie bringt Menschen in eine Isolation. Armut kann aber auch rechtliche oder räumliche Ausgrenzung bedeuten. Darüber hinaus hat Armut auch eine kulturelle Dimension: arm ist, wer nicht so teilhaben kann, wie es die Gesellschaft erwartet, z.B. wenn ein Kinobesuch, ein Landschulheimbesuch oder ein Urlaub nicht möglich sind. Hier spricht man von sogenannter „relativer Armut“, die sich daran misst, ab wann sich ein Mensch als arm betrachtet. Was kann die Politik tun? Das Hauptaugenmerk der Politik ist darauf gerichtet, die Menschen „aus der Sozialhilfe herauszubringen“ und an der Weiterentwicklung der Reformen auf dem Arbeitsmarkt zu arbeiten. Aus Sicht von Castellucci muss die Politik 3 Dinge veranlassen, um Armut zu begegnen: die materielle Absicherung muss erhöht werden. Darüber hinaus muss die „Aufstockerproblematik“ bearbeitet werden. Hier geht es um die Menschen, die im Arbeitsleben stehen, deren Verdiensthöhe aber nicht ausreicht, um ihren Lebensunterhalt zu sichern und die damit auf ergänzende Leistungen nach dem 2. Sozialgesetzbuch (so genannte „Hartz IV-Leistungen“) angewiesen sind. Das führt in die Thematik der Mindestlöhne. Der dritte Aspekt sind die öffentlichen Güter: Es müssen Einrichtungen vorgehalten werden, die für alle Menschen zugänglich sind. Lars Castellucci schloss seinen Vortrag mit der Feststellung, dass Beratung in unserer Gesellschaft ein sehr wichtiger Bestandteil ist, um Menschen aus der Armut herauszuhelfen oder ihr Risiko, in Armut abzurutschen, zu minimieren. Beratung muss deshalb aufsuchend und zugleich präventiv geschehen. Und man müsse sich auf den Gedanken der Subsidiarität besinnen: es muss vor Ort geholfen werden, dort wo die Probleme am nächsten sind! Hier sind alle gefragt, Sozialdemokraten wie auch Praktizierende unterschiedlicher Glaubensrichtungen.

Annett Heiß-Ritter vom Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. berichtete von einer Neudefinition der Sozialarbeit als „aktivierende Sozialarbeit“, für die die Politik die Rahmenbedingungen setzt. Sozialarbeit werde immer dann relevant, wenn die Bedingungen zu komplex sind. Deshalb seien auch neue Herausforderungen in den letzten Jahren auf die Sozialarbeit zugekommen: Heute gehe es um „fördern und fordern“. Dies müsse allerdings immer im richtigen Kontext geschehen, man erlebe hier nämlich auch „Blüten“. Sie berichtete in diesem Zusammenhang von einer Eingliederungsvereinbarung, die von Seiten der Bundesagentur für Arbeit mit einem Hartz IV-Empfänger getroffen wurde, der Analphabet ist: Es wurde ihm zur Auflage gemacht, innerhalb einer gewissen Zeit 5 schriftliche Bewerbungen nachzuweisen.

Herr Pfarrer Thomas Löffler, Diakoniepfarrer des ev. Kirchenbezirks Südl. Kurpfalz und Vorsitzender des Diakonieverbandes im Rhein-Neckar-Kreis berichtete über den Begriff Armut in der kirchlichen Lehre. Er stellte hierbei ebenfalls den Begriff der Subsidiarität sowie das Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe“ in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Er wies deutlich darauf hin, dass die Werte Solidarität und Gerechtigkeit aus seiner Sicht die Werte sind, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Hierauf müsse man sich wieder stärker besinnen.

Lars CastellucciDr. Castellucci ergänzte dazu, was die SPD darunter versteht, wenn sie von „guter Arbeit“ spricht: Gute Arbeit ist Arbeit, die – fair entlohnt – eine Familienplanung ermöglicht – und die Gesundheit erhält. Deshalb müssten neue, „altersgerechte“ Arbeitsformen geschaffen werden, damit auch für die Menschen etwas vorgehalten wird, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mithalten können. Man müsse hier darüber nachdenken, inwieweit ein zweiter oder dritter Arbeitsmarkt ins Leben gerufen werden muss, damit man diesen Menschen wieder einen Platz in der Mitte der Gesellschaft geben kann.

Susanne Koch, Teamleiterin des AWO-Lädle, berichtete von ihrer erfolgreichen Arbeit der letzten Monate. Es kämen mittlerweile 100 Kunden und 20 Obdachlose. Unter den Kunden seien überwiegend kinderreiche Familien, Alleinerziehende und eine große Zahl von Rentnern. Bereits vor den Öffnungszeiten sei der Andrang groß. Man sei inzwischen über das reine Versorgen mit Lebensmitteln auch Ansprechpartner in wichtigen Lebenslagen geworden.

Zum Abschluss warf Lars Castellucci die Frage auf, ob man über die Gründung eines „Bündnisses gegen Armut und Ausgrenzung im Rhein-Neckar-Kreis“ nachdenken müsste. Auf jeden Fall müsse der Gedanke der Solidarität wieder stärker in unserer Gesellschaft kommuniziert und eingefordert werden. Darin waren sich an dem Abend alle Podiumsteilnehmer und Gäste einig.

Zum Abschluss dankte der SPD-Ortsvereinsvorsitzende, Dr. Matthias Horn allen Anwesenden für ihr Kommen und die rege Diskussion, sowie dem Moderator, Herrn Gisbert Kühner von der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen Rhein-Neckar für die engagierte Leitung der Veranstaltung.

Andrea Hilbert

 

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